Blasenmanagement

Bei einer neurogenen Blasenfunktionsstörung wie der Detrusor-Überaktivität (NDO) kann der Harn meist nur unkontrolliert und unvollständig bzw. gar nicht abgegeben werden. Daher muss die Blase mittels eines Katheters entleert werden. Das Hauptziel ist dabei, die Nieren zu schützen, Infektionen vorzubeugen, eine vollständige Blasenentleerung zu ermöglichen und Ihre Lebensqualität zu erhalten. Eine unvollständige Blasenentleerung mit Restharnbildung ist ein Risikofaktor für Harnwegsinfekte und potenziellem Rückstau in die Nieren mit späteren Schädigungen. Wichtig ist dabei, dass die Blasenentleerung unter keimfreien (aseptischen) Bedingungen erfolgt. Zudem ist auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr zu achten und möglichst auf harntreibende Getränke (Koffein, Alkohol) zu verzichten. 1,2

Was ist Katheterisierung?

Intermittierender Selbstkatheterismus (ISK)

Der intermittierende Selbstkatheterismus gilt als Standardtherapie bei  Blasenentleerungsstörungen. „Intermittierend“ bedeutet, Sie führen den Katheter mehrmals täglich nur vorübergehend ein, um die Blase zu entleeren, und entfernen ihn danach wieder. Das ermöglicht Ihnen im Unterschied zum Dauerkatheter, der über einen längeren Zeitraum in der Blase verbleibt, eine selbstbestimmte Blasenentleerung.

Die ISK bietet Ihnen wesentliche Vorteile:

  • Sie kommt der natürlichen Art des Wasserlassens am nächsten, denn Sie können selbst entscheiden, wann und wo Sie katheterisieren möchten. Sie gewinnen damit die Kontrolle über die Blasenentleerung zurück.

  • Da Sie an Ihre Blasenprobleme über Stunden nicht denken müssen, behalten Sie Ihre persönliche Unabhängigkeit und Mobilität, was wiederum einen aktiven Lebensstil fördert und die Lebensqualität verbessert.

  • Das Sexualleben wird nicht wie bei einem Dauerkatheter beeinträchtigt.

  • Das Risiko von Komplikationen, die mit einem Dauerkatheter verbunden sein können, verringert sich. Da ein Dauerkatheter über einen längeren Zeitraum in der Blase verbleibt und einen Fremdkörper darstellt, erhöht sich das Risiko insbesondere für Harnwegsinfekte deutlich.

  • Sollten Sie Medikamente zur Entspannung des Harnblasenmuskels wie Anticholinergika verwenden, können diese auch im Rahmen des Selbstkatheterismus in flüssiger Form einfach über den Katheter gegeben werden. Unangenehme und beeinträchtigende Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit und Verstopfung, die vorwiegend bei der oralen Gabe mit Tabletten auftreten, lassen sich so reduzieren.

Wer ist dafür geeignet?

Mit der richtigen Anweisung durch ge­schultes medi­zini­sches Fach­personal und ein wenig Übung ist der ISK relativ leicht zu erlernen, auch wenn er im ersten Moment vielleicht etwas kompliziert erscheint.

Jeder Mensch, der motorisch dazu in der Lage ist, kann den ISK durchführen. Selbst (Klein-)Kinder können von ihren Eltern katheterisiert werden, und ab dem Schulalter können Kinder lernen, sich selbst zu katheterisieren. Pflegende Personen sind in der Regel ohnehin dazu in der Lage. Und da der ISK im Stehen und Sitzen durchgeführt werden kann, ist er auch für Rollstuhlfahrer:innen geeignet.

Voraussetzungen für den ISK sind:

  • Selbstständiges An- und Auskleiden

  • Motorische Fähigkeit der Hände

  • Bereitschaft und Fähigkeit, die Technik zu erlernen

Leiden Sie an einer neurogenen Blase aufgrund der folgenden Grunderkrankungen? Dann kommen Sie prinzipiell für den ISK infrage.

Sprechen Sie mit Ihrem Arzt/Ihrer Ärztin und lassen Sie sich individuell beraten, ob für Sie der ISK geeignet ist.

Welche Systeme gibt es?

Kathetherlänge

Männern werden aufgrund der längeren Harnröhre Katheter mit einer Länge von 30–40 cm (14–16 Zoll) angeboten.

Für Frauen sind kurze Katheter (ca. 12–20 cm bzw. 5–8 Zoll) ausreichend.

Kathetherdurchmesser

Der Standard-Außendurchmesser eines Katheters für Erwachsene beträgt 4–4,7 mm. Dieser Durchmesser wird international in der Einheit Charrière angegeben; 4–4,7 mm entsprechen 12–14 Charrière (Ch).

Kathethergruppen

Generell kann man zwei Gruppen von Einmalkathetern unterscheiden:

  • Nicht beschichtete Einmalkatheter

  • Beschichtete Einmalkatheter

Beide sind mit und ohne integrierten Urinauffangbeutel erhältlich.

Einteilung der Einmalkathether (mod. nach 1)

Katheter für die dauerhafte Anwendung sind besonders schonend für die Harnröhre: Sie haben eine weiche Spitze, glatte Öffnungen ohne scharfe Kanten und eine speziell behandelte Oberfläche, die zusammen mit Gleitmittel das Einführen so leicht und angenehm wie möglich machen.

Bei den Gleitmitteln stehen Präparate in unterschiedlichen Zusammensetzungen zur Verfügung: 

  • Wirkstofffreie Gleitmittel

  • Gleitmittel mit Zusatz einer desinfizierenden Substanz

  • Gleitmittel mit Zusatz einer lokal betäubenden Substanz

  • Gleitmittel mit Zusatz einer lokal betäubenden und einer desinfizierenden Substanz

Die Auswahl des Kathetersystems ist je nach medizinischer Situation und persönlichen Lebensumständen unterschiedlich. Ihr behandelnder Arzt/Ihre Ärztin oder (Uro-) Therapeut/(Uro-) Therapeutin wird Sie umfassend beraten, welches Kathetersystem für Sie geeignet ist.

Die folgende Tabelle (zum Aufklappen) bietet eine Übersicht über Kathetersysteme, die dafür geeignet sind, dass Medikamente über den Katheter direkt in die Blase gespritzt werden können (Instillation).

Durchführung

Hygiene

Um Harnwegsinfekte zu vermeiden, ist eine hygienische Handlungsweise bei der ISK unerlässlich. Im Folgenden haben wir einige Hinweise zusammengetragen, die Ihnen einen hygienischen Umgang erleichtern sollen:

  • Wenn möglich, sollten Sie immer auch die Ablagefläche der Materialien desinfizieren.

  • Viele Katheter besitzen Klebeflächen an ihrer Verpackung oder Ösen zum Aufhängen, um Ihnen eine hygienische Handhabung zu erleichtern.

  • Das Waschen der Hände ersetzt nicht eine hygienische Händedesinfektion.

  • Beachten Sie bei jedem Schritt die Einwirkzeit des Desinfektionsmittels.

  • Bei einer Wischdesinfektion fassen Sie die Kompressen nur an einem Ende an.

  • Achten Sie bei der Handhabung des Katheters immer darauf, nicht mit unsterilen Gegenständen und Körperteilen in Kontakt zu kommen.

  • Falls Sie die Harnröhrenöffnung einmal verfehlen, verwerfen Sie diesen Katheter und benutzen Sie einen neuen.

  • Einmalkatheter sind nur für den einmaligen Gebrauch bestimmt und müssen nach Verwendung entsorgt werden.

  • Wenn Sie ein Medikament in flüssiger Form über den Katheter in die Blase geben (instillieren): Achten Sie auch dabei darauf, dass die Teile, die mit dem Katheter in Berührung kommen, keinen Kontakt zu unsterilen Materialien/Haut haben.

  • Berühren Sie die Verpackung des Adapters nur an der Außenseite.

  • Vermeiden Sie Berührungen der Spritzenspitze.

Dauerkathether

Im Unterschied zum intermittierenden Selbstkatheterismus (ISK) wird bei der Dauer-katheterisierung ein Katheter in die Harnblase eingelegt, der über einen längeren Zeitraum dort verbleibt. Der Harn wird in einen Auffangbeutel geleitet, der meist am Bein befestigt wird. Die Blasenentleerung mittels eines Dauerkatheters wird in speziellen Situationen eingesetzt, wenn ein ISK nicht möglich ist.

Nach der Art, wie der Katheter in die Harnblase eingeführt wird, unterscheidet man:

Suprapubischer Katheter (SBK) „Bauchdeckenkatheter“

Wird im Rahmen einer kleinen Operation durch die Bauchdecke oberhalb des Schambeins (suprapubisch) direkt in die Blase eingeführt. Er ermöglicht die Urinableitung unter Umgehung der Harnröhre (Urethra).

Vorteile: geringere Rate von Harnwegsinfekten, besserer Tragekomfort
Nachteile: Anlage erfordert invasiven Eingriff, Stoma-Komplikationen (Infektion, Leakage)

Transurethraler Katheter

Wird durch die Harnröhre (Urethra) in die Blase gelegt.

Vorteil: kein operativer Eingriff notwendig
Nachteile: höhere Rate von Harnwegsinfekten, geringerer Tragekomfort

Referenzen

1 Management und Durchführung des Intermittierenden Katheterismus (IK) bei neurogener Dysfunktion des unteren Harntraktes. Entwicklungsstufe: S2k AWMF-Register-Nr.: 043/048. Federführende Fachgesellschaften: Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU) und Deutschsprachige Medizinische Gesellschaft für Paraplegiologie e.V. (DMGP). Stand 02/2026
2 European Association of Urology Nurses (EAUN): Evidence-based Guidelines for Best Practice in Urological Health Care - Urethral and Suprapubic. Stand 2024